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Elettra Griesi
Leben in der Vertikale:
Gegenseitige Beeinflussung von Raum und sozialen Praktiken
am Beispiel der Plattenbauten von Pinar del Río (Kuba)
Reihe: Berliner Beiträge zur Ethnologie, Band 32

Berlin, Juli 2014, 192 Seiten, 29,80 €
ISBN 978-3-89998-220-6

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Über das Buch:
Inspiriert durch den Volkshelden José Martí versprach die kubanische Revolution (1953–1959) „Umgestaltung, Unabhängigkeit, soziale Gerechtigkeit und Würde der kubanischen Nation“. Die Jahre nach der Revolution brachten eine Umorganisation des kubanischen Systems auf der Ebene der Wirtschaft, der Gesellschaftsstruktur und im Bereich des Bauwesens mit sich. Insbesondere wurde auf die Verbesserung der Wohnsituation gezielt, welche durch eine Reihe von Stadtreformen verwirklicht wurde.
Die 70er Jahre markierten den Beginn einer neuen städtebaulichen Epoche auf Kuba durch den Bau von sämtlichen Plattenbausiedlungen. Umsiedlungen von großen Bevölkerungsteilen (insbesondere der weniger Wohlhabenden) aus den alten Stadtzentren waren die Folge davon und führten zu einer Verbesserung der Wohnkonditionen. Wie sich aber die Raumwahrnehmung der Akteure und ihr Verhältnis zum Raum änderte, welche Folgen der neu erbaute Raum auf soziale Praktiken und Interaktion der Nachbarschaft hatte und wie dieser als Antwort auf die sozialen Veränderungen transformiert wurde, wird im Rahmen der vorliegenden Forschungsarbeit am Beispiel der Plattenbausiedlung in Pinar del Río thematisiert.
Es konnte herausgestellt werden, dass die umgesiedelten Familien im „neuen“ Raum soziale und räumliche Praktiken ausüben, die sich stark an diejenigen anlehnen, die sie bis vor ihrem Zuzug in den Calero ausübten. Jedoch konnte ermittelt werden, dass der „neue“ Raum mit seinen Charakteristika sowohl Nachbarschaftsbeziehungen und -normen als auch soziale und räumliche Praktiken sowie inkorporierte Handlungsschemata (vgl. Giddens 1988: 39) beeinflusst, da Raum i. Allg. als Ausgangspunkt für Handlungen gilt (vgl. Lefebvre 1991: 87). Die hohe Dichte der „neuen“ Wohnungen führt z. B. zu weniger Privatsphäre mit einem konsequenten Rückzug in die privaten Räume, während die vormalige Existenz von halböffentlichen Bereichen (das Portal) mehr Interaktion unter der Nachbarschaft gefördert hat. Interaktion unter Frauen, die früher während der Haushaltstätigkeiten von einem Innenhof zum anderen stattgefunden hat, ist heute nur über die Balkone möglich, mit einer konsequenten Veränderung der Raumwahrnehmung (da diese in der Vertikale geschieht), aber auch einer Abnahme dieser Kontakte.
Haushaltstätigkeiten, die nach gesellschaftlicher Erwartung durch die Frau zu pflegen sind und früher in Portalbereichen oder Innenhöfen stattfanden, können heute ausschließlich in den Innenräumen einer Wohnung erfolgen mit einer konsequenten Vereinsamung der Frau, da hier wenig Besuch vorliegt. Auch die Orte für die Ausübung gewerblicher Tätigkeiten haben sich durch den „neuen“ Raum geändert. Während diese früher undifferenziert durch Männer und Frauen ...

Elettra Griesi studierte Architektur an der RWTH Aachen und schloss ihr Studium mit dem akademischen Grad Dipl.-Ing. ab. Im Anschluss nahm sie an der FU Berlin das Studium der Sozial- und Kulturanthropologie auf, als Ergänzung und Erweiterung des Architekturstudiums. Die vorliegende Forschungsarbeit wurde 2014 mit dem Rudolf-Virchow-Preis ausgezeichnet.